Pstiwan Abdullah

(18), aus Bern

Ich bin im Irak geboren und im Alter von drei mit meiner Familie nach Bern gekommen. Als ich neun Jahre alt war habe ich gemerkt, dass ich schwul bin. Das habe ich aber vor meinen Eltern geheim gehalten. Ich habe in der Pubertät mit weiblichen Kleidern und Make-Up experimentiert und diese Bilder auf Instagram gepostet. Mein Vater hat mich mehrmals gefragt, ob ich schwul sei und ob ich eine Frau sein wolle. Ich habe es immer abgestritten.

Im Frühling 2019 lag ich schlafend im Bett, als mein Vater plötzlich über mir stand und schreiend fragte, ob ich schwul sei. Er stach mit einem Messer zu und schlitze mir den Hals auf. Ich wehrte mich mit Händen und Füssen und konnte über den Balkon zu den Nachbarn flüchten. Sie riefen die Polizei und ich wurde mit der Ambulanz ins Spital gebracht. Die Halsschlagader wurde knapp verfehlt, doch ich war kurz im Koma. Zum Glück habe ich überlebt. Was geblieben ist, sind die Narben am Hals.

Heute lebe ich alleine in einem kleinen Studio. Kurz nach dem Ereignis hatte ich eine Zeit lang keinen Kontakt zur Familie. Doch langsam versuchen meine Geschwister, meine Mutter und ich einen Weg zueinander zu finden. Es wird Zeit brauchen. Ich bin froh, dass ich sie nicht auch noch verloren habe. Mein Vater sitzt in Untersuchungshaft. Er behauptet, ich hätte mir die Verletzungen selber zugefügt. Der Prozess steht noch aus.

Heute definiere ich mich als trans und bin in psychologischer Behandlung, damit ich eines Tages Hormone nehmen kann. Ich möchte meine Geschichte erzählen und anderen Menschen Mut machen. Jeder und jede ist schön und sollte zu sich stehen.

Pstiwan’s Geschichte jetzt im
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Wendy